von Johannes Tyczewski
Im Vorfeld der Fußball-Europameisterschaft wurde der Aufschwung der Nationalmannschaft von einer Vorfreude auf das sportlich-gesellschaftliche Großereignis EM begleitet, die sich in einem Lied wiederfand. „Major Tom“ von Peter Schilling lief landauf, landab auf jeder Party und wurde zur Torhymne des DFB-Teams. Das Lied scheint das Land auch nach der EM weiter fest im Griff zu halten.
Völlig losgelöst von der Erde. Wer die Fernsehsendung Caren Miosga, in der Robert Habeck am Sonntagabend zu Gast war, sah, fühlte sich unvermeidlich an diese Liedzeile erinnert. Der deutsche Wirtschaftsminister ist seit einer Woche auch „Kanzlerkandidat“ der Grünen. Im Ersten wollte er nun die Gelegenheit nutzen, seine Vorstellungen von der Zukunft Deutschlands dem Volk nahezubringen. Die Plattform war geschickt gewählt, das muss man der grünen Parteizentrale anerkennend zugestehen. Miosga präsentierte sich nämlich nicht als wenigstens vordergründig kritische Gesprächspartnerin, sondern gefiel sich in der Rolle der servilen Stichwortgeberin. Schon beim Titel „Wie grün wird die Zukunft, Herr Habeck?“ gab sich der Sender keine Mühe, die Bewunderung für Robert Habeck zu verstecken. Doch der Auftritt Miosgas unterbot dann jede berechtigte Befürchtung. Nachdem die Moderatorin darauf hinwies, dass „wir in den Umfragen ja noch bei 12 – 14 Prozent stehen“ (ja, wir!), durfte Habeck ausführen, dass seine Antworten auf die drängenden Fragen der Zukunft im Gegensatz zu denen seiner Mitbewerber „annähernd an die Dimension der Wirklichkeit heranreichen“. Während sich der Zuschauer bei solch öliger Selbstherrlichkeit schütteln muss, klimpert Miosga verzückt mit den Augen. Da ist er wieder, der philosophisch-intellektuelle Robi, in den sich Deutschland – oder zumindest der grüne Teil der Gesellschaft – einst verliebten. Den Höhepunkt der Sendung bilden später „Küchentisch-Fragen“ an Habeck, angelehnt an dessen Ankündigung, authentische Küchengespräche mit Bürgern zu führen. Mit Kamera und bester Mikrofon-Verkabelung, versteht sich. „Welche Schuhe tragen Sie in der Küche, Herr Habeck?“, fragt Miosga sanft. Ausgetretene Joggingschuhe, lässt Robert wissen. Hach, einer von uns. Das Bild eines Mannes, der verträumt in Sportkleidung die natürlich vegane Bolognese zubereitet, ist zum Greifen nah. „Wenn Sie in eine Zauberküche kommen, Herr Habeck, und Sie dürfen sich etwas aussuchen: Literaturnobelpreis oder Bundeskanzler?“. Die Frage begleitet Caren mit einem charmanten wie unterwürfigen Lächeln. „Frieden in Europa“, antwortet der Kanzlerkandidat, er ist Profi, er lässt diese Chance zur eitlen Selbstlosigkeit nicht verstreichen. Die Interviewerin bleibt hartnäckig. Doch das ist jetzt selbst dem ansonsten um keine Gefühlsduselei verlegenen Habeck zu viel. Literatur? Mache er seit 20 Jahren nicht mehr. Bundeskanzler? Sollte sich niemand wünschen, das ist ja ein schwieriger Job. Subtext: Ich will das eigentlich gar nicht machen, aber die objektiven Umstände verlangen nach einem wie mir. „Ist Quatsch, sorry“.

Was auf der Strecke bleibt, ist Politik. Wie steht Habeck zum Bürgergeld? Wie steht er zum weiterhin ungelösten Migrationsproblem? Wie will er konkret den Strompreis senken? Warum hält er es für richtig, dass Politiker Leute, die sie „Schwachkopf“ nennen, anzeigen? Zweitrangig für die Moderatorin. Den Menschen Robert kennenzulernen, ist für sie wichtiger. Völlig losgelöst von dem Volke, schwebt die ARD, völlig schwerelos. Die Melodie geht einem kaum aus dem Sinn. Die gesellschaftliche Stimmung hat sich in den letzten Jahren gegen die Grünen gedreht. Galten sie 2019 noch als lässig, modern, cool, als parlamentarischer Arm der Jugend und ihrer Fridays for Future Bewegung, stehen sie mittlerweile für Verbotspolitik, Besserwisserei und anstrengende Hochmoral. Umfragen belegen das eindeutig.
Unter Journalisten ist das Stimmungsbild ein anderes. Laut der Langzeitstudie „Journalismus und Demokratie“ 2024 gaben 41 Prozent der 525 befragten Journalisten in Deutschland an, den Grünen nahezustehen. Der zweithöchste Wert geht mit 23 Prozent an die Antwort „keine Partei“. Es folgen die SPD (16 Prozent), die CDU (8 Prozent), die Linke (6 Prozent), die FDP (3 Prozent), eine andere Partei (2 Prozent) und das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) mit einem Prozent. Eine beispiellose Überrepräsentation, die den Unterschied zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung in Deutschland gnadenlos offenlegt. Jedoch ist eine entscheidende Differenzierung notwendig. Wenn sich die Zeit, die Süddeutsche, die taz oder das Dürener Dönerblättchen dazu entscheiden, in ihrer Zeitung eine bestimmte Position zu vertreten, die auch mit einer Partei assoziiert werden kann, ist das in Ordnung. Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist das anders. Hier gibt es ein zwingendes Gebot zur Neutralität.
Eine Fernsehmoderatorin muss ihr Fragekonzept nicht nach Stimmungen im Volk ausrichten. Bestimmt sind auch ein paar private Fragen ganz interessant. Politiker dürfen menscheln. Entsteht jedoch der Eindruck einer liebedienerischen Promo-Show für einen gescheiterten Wirtschaftsminister, wird es gefährlich für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Es führt dazu, dass sich immer mehr Menschen frustriert ab- und alternativen Medien zuwenden, bei denen die Botschaften schlechterdings simpel sind und nicht selten in einem Wahlaufruf für die AfD münden. Der Anspruch der Neutralität sollte nicht offen missachtet, der Anspruch des kritischen Journalismus nicht mit Füßen getreten werden. Dieses Bild besteht bereits in einem relevanten Teil der Gesellschaft. Der ÖRR muss aufpassen, dass das nicht zur Mehrheitsauffassung wird.


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